Sommercamp 2016

Wie die Jahre zuvor führten wir unter der Frage „Wie wollen wir Roma, Sinti und andere Jugendliche in 10, 20 Jahren miteinander leben?“ - dieses Jahr unter dem Thema:„is IS ne Alternative“ die Vorbereitungsphase zum Sommercamp, das Sommercamp selber und die Nachbereitungsphase durch. Dieses Jahr arbeiteten wir mit syrischen und irakischen Flüchtlings-Jugendlichen, den „neuen“ Nachbarn in den Flüchtlingsheimen, am Thema zusammen. 3/4 der an den drei Maßnahmen teilnehmenden Roma-Jugendlichen sind Moslems, fast alle Flüchtlinge aus ehem. Jugoslawien – der Großteil lebt seit Jahren in den Flüchtlingsheimen; bei den syr./irak Jugendlichen sind alle Moslems und alle wohnen in den Heimen - zwei der syr/irak. Jugendliche (auf dem Sommercamp selber) waren stark traumatisiert - kaum ansprechbar wie unter einer Glocke (einer hat drei Jahre in M. unter dem IS gelebt). Der übergroße Teil der Jugendlichen versteht sich gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft als Moslems – untereinander spielt hingegen Moslem-Sein kaum eine Rolle, von den etwa 50 Jugendlichen, die durch die drei Maßnahmen gelaufen sind, waren nur 3 gläubig Praktizierende (täglich beten, Freitag Moschee und Ramadan). Keiner von den drei war mit auf dem Sommercamp.

Die Vorbereitungs- und die Nachbereitungsphase mit Workshops während der Pfingst- bzw Herbstschulferien waren dies Jahr konflikt- und auseinandersetzungsgeladen, während das Sommercamp erstaunlich entspannt und außerordentlich gemeinschaftlich vonstatten ging. Das Interesse an dem Thema sowie der Sommercamp-Fahrt war sehr hoch – wir hatten einen hohen Durchlauf an Interessierten. Die Workshopwochen im Juni waren darauf zentriert das Thema Islam zu diskutieren, die Geschichte der Kriege im Nahen und Mittleren Osten zu entwirren und Meinungen zu bilden. Dies ging daneben und endete in sehr aufgeladenen Diskussionen um Glauben und Nicht-Glauben , einem Suren-Ping-Pong und der Frage: wer darf wen, wann töten. Es war eine hochgeladene Sackgasse, die oft nur durch gemeinsames Musikmachen entspannt werden konnte.

Clip aus der Vorbereitungphase „RELIGION! Streitgespräch Islam“

Wir drehten unser Vorgehen auf „was haben wir selbst erlebt, wie wollen wir leben konkret jetzt, morgen – was können wir tun, daß sich alle sicher und wohl fühlen.“ Hier spielte gleich der zweite Konflikt rein und zwar, daß erstmal die meisten Roma-Jugendliche die Syrer und Iraker ablehnten, sie als Konkurrenz ansahen. Beim ersten gemeinsamen Essen, aßen sie so den syr/irak. Jugendlichen erstmal vor deren Nase alles weg. Sie lehn(t)en sie ab, weil sie sich in den Heimen von ihnen verdrängt fühl(t)en sowie durch die deutsche Verwaltung bevorzugt. Der Prozeß der Gruppenbildung für das Sommercamp war ein monatelanges ständiges Auf und Ab – von „Die und Wir“ bis kurz vor Abfahrt. Syr/irak. jg. Frauen durften nicht mit, auch wenn der Bruder oder Cousin mitfährt – 2 Tage vor Abfahrt sagten 3 Roma jg. Frauen wegen der „Syrer und Iraker“ ab. Erst wenige Tage vor der Abfahrt, als die syr/irak. Jugendlichen für Alle kochten, saßen alle um den Tisch, aßen und respektierten sich. Verbindend wirkte gemeinsames Musikmachen, Kochen und Essen, sich Zuhören oder einfach nur Zusammen „Chillen“ in einem sicheren Raum außerhalb der Enge und Spannung der Heime. Auch Medien wie die Homeland Serie, der USPerspektive auf eigenes Handeln in Mittelost und die Entstehung des IS, ermöglichte Perspektivwechsel-Erfahren und gemeinschaftliche Standpunkte.

Der Leitungsteam (die Referenten und Vorstand des Roma Büros) war schnell klar, daß wir keine gemeinsame Geschichte (Narrativ) auch keine gemeinsame Sprache für ein Theaterstück oder einen Videofilm finden können wie all die Jahre davor – 2015 zB mit der Lebensstilfrage „Grille und Ameise“. Wir setzten uns dran aus dem Dialog zwischen den Gruppen und mit den Leitenden- im „gepflegten-sicheren“ Begegnungsraum - bestehende Impulse und Motive aufzunehmen. Impulse aus dem Alltag, des Erlebten und Verhaltens, dem Spaß und Joks in die Bildsprache der Jugendlichen (in sehr kurze Clips) zu verdichten. Der vorrangige Entwicklungsraum wurde die Musik, das aufeinander hören: der unterschiedlichen Rhythmen, Tonleitern und Ton-Modulationen; und darüber musikalisch in einen Dialog zu treten, manchmal in glücklichen Momenten auch zu einer neuen Fusion. Siehe den MusikClip „Ost trifft West“ der dafür programmatisch steht.

„Ost trifft West“

In der Sommercamp-Platzfrage hatten wir 2016 das besondere Erlebnis: der Betreiber des UsedomPlatzes (CJD Christliche Jugendwerk Deutschand) sagte unsere Reservierung für August vier Monate vorher ab - trotz unterschriebenem Vertrag von 2015. Wir haben uns beugen müssen und viele suchten hektisch. Es war ein Glückszufall, was wir fanden: das alte Pfarrhaus in Trent auf Rügen (aber nur für 12 Tage deswegen 2 Tage Berlin). Dort wurden wir mit einer überbordenden Herzlichkeit anwohnerseits empfangen und mit einem dutzend Körben voll Obst und Gemüse frisch aus ihren übervollen Gärten beschenkt. Nun was tun mit soviel Obst, bevor es fault in der Hitze: Kompott (poln.) oder Kwas (russ.) - dieses säuerliche Hochsommer Obst Erfrischungsgetränk des Ostens. Die älteren Damen des Ortes waren begeistert und wir mußten ihre Geschenke nicht (respektlos) wegwerfen. Sie brachten zum gemeinsamen Fest als Antwort Zuchini-Ziegenkäse Schnitten. Auf dieser Basis entwickelte sich ein reges Hin und Her – Cafe-Trinken auf den Terrassen, aber ebenso Handwerkszeug leihen, Rezepte austauschen- zwischen der älteren Anwohnerschaft und den Jugendlichen. Aus diesem Raum mehr aus unserer Perspektive im Clip „Interview mit der Bürgermeisterin von Trent“

Interview mit der Bürgermeisterin von Trent

und aus der Perspektive des Dorfes: Einige Flüchtlings-Jugendliche „sind drei Monate lang durch Europa gezogen auf der Suche nach Sicherheit. Drei Monate, wie unsere Großeltern oder unsere Eltern, weggeschickt aus dem ehemaligen Schlesien oder Ostpreußen …. Drei Monate zu Fuß, nirgends willkommen und endlich auf Rügen angekommen…. frage sie, wie das damals war. (…) Und wenn wir abends am Lagerfeuer so ein Singen hörten, haben wir die Worte nicht verstanden, auch die Musik war neu für uns, aber die Botschaft von Leid, Pein und Verlust haben wir verstanden. Neugier begegneten wir überall. Immer wieder hörten wir „warum und wie und wo.“

Dorfzeitung von Trent Seite 10-11

Während des Sommercamps stand für das Leitungsteam im Vordergrund einen „festen“ Rahmen von Gemeinschaftlichkeit zu bilden: den Tag begannen wir mit einem integrierenden Kreis mit Spielen und sich alle gegenseitig Frage und Antwort stehen. Hier kamen Unmutsgefühle, abwertendes Verhalten und Selbstexcludierung genauso ins Spiel wie Provokation, Abenteuerlust und Lebensfreude. Die fast täglichen Fahrradtouren meist mit Baden-Gehen – hieraus entstand der Clip:

Syrischer Tanz um Leben und Tod

schufen Beziehungen/Bindungen – ebenso das die Tage durchgehende Tischtennisturnier. Treffpunkt der Nacht war das Lagerfeuer, Spaß haben und Musik machen. Höhepunkt des Sommercamps waren da die Stunden wo jede(r) reihum (zwei-dreimal) seine (Lieblings)Lieder (ob er/sie singen konnte oder nicht) sang und alle hörten zu. Viele Tränen des Schmerzens und der Freude rannen (der Clip dazu „Voll im Trent“ wurde nicht für die Öffentlichkeit freigegeben). Spannungen lösten sich, Einzelkämpfertypen integrierten sich - siehe Clip:

Selbstmörder

in der Erarbeitung dieses Clips ging die Auseindersetzung um Paradies/Hölle sowie Homophobie/Homophilie ein. Und auf einmal wurde aus dem „Frechsten der Gruppe“ der verletzliche 13 Jährige, der sich nach seiner Mutter sehnt, die er seit über 4 Jahren nicht gesehen hat.

Hadil: Mutter

Und aufgegriffen wurde das Schicksal des geknechteten Volkes im „Bagdad Kerker“.

Bagdad Kerker

– die Erarbeitung dieses Clips basierte auf der Diskussion: „wer zählt eigentlich unsere Toten?“. Und wenn endlich Ruhe im Haus eingekehrt war, ging es in einigen Zimmern weiter: das Feuerspiel. Es kommt aus den Lagern, Camps 2015 und wird unter den syrischen, irakischen, afganischen Flüchtlingsjugendlichen zT begeistert gespielt. Ein Spiel um Angstbewältigung und Trauma(verarbeitung).

FEUERSPIEL

Der Alltag wurde gemeinschaftlich ausgehandelt selbst organisiert: Kochen, abwaschen, putzen + aufräumen reihum sowie das „Freudenprogramm“. Probleme waren da bewältigbar, man lernte sich kennen und Demokratie eine alltägliche Basis-Frage. Setzt sich der Stärkere, Schlauere durch oder verteilen wir das Nehmen und Geben gerecht. Nur in der Toilette – einer Reinlichkeitsfrage – war der Konflikt in den 2 Wochen nicht lösbar. Die Hocker und nicht Sitzer, Wasser und nicht Papier Nutzer überschwemmten die Räumlichkeiten und konnten nicht anders. Die fast täglichen, wenigen Ganzkörper-Rasierer hingegen konnten dazu gebracht werden, die Duschen sofort zu reinigen ( der Clip „Schwemmland“ wurde für die Öffentlichkeit nicht freigegeben). In den Workshops – Musikentwicklung, Video und Ton, Sprache und Theater, Kostüm und Kulisse - wurden diese Clips wechselseitig erarbeitet und in der Nachbereitungsphase postproduziert. In die einzelnen Clips ging die Auseinandersetzung mit dem Thema: is IS eine Alternative? ein; erlebte Erfahrungen im Kriegsgebiet erzählt, Erfahrung von Gewalt und Tod, Jenseitsvorstellungen und Sehnsucht nach Tod. Die Texte sind in Teamarbeit entstanden, die Musik wurde außer einem Beat selber entwickelt. Während des Camps entwickelte sich die Tontechnik sprunghaft - angefeuert durch die Begeisterung einiger - weiter für qualitativ bessere Musikaufnahme durch Kanal Mischtechniken. Dies gelang gut (kostete aber auch). Zur „Hymne“ des Sommercamps wurde schließlich „Augen auf“ ein Rap auf die heutige Zeit.

Augen auf

Zwei Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern fuhren wir zurück nach Freiburg - eine Gruppe von FreundenInnen/Beziehungen und gestärkt durch erlebte Selbstwirksamkeit; wir fuhren durch Schwerin und der ganze Waggon voll von deutschen, roma und syr/irak Jugendlichen sang und tanzte – mittendrin sassen Bundespolizisten und grinsten (der Clip ist nicht postprod.). Die Nachbereitungsphase, des sich Einigens wie die Clips geschnitten sind und wer wie nicht drauf sein will oder doch wie, dehnte sich weit über Herbstferienwoche hinaus. Auffallend war, daß noch nie (während unserer fünfjährigen Sommercamps) so viele Jugendliche sich aufgrund des Themas +/oder aufgrund von Schamgefühlen sich weigerten öffentlich ins Bild zu kommen, was respektiert wird. Technisch nicht lösbar war das Problem der Übersetzung in den Clips, doch wir bemühen uns noch. Geplant war die Abschlußveranstaltung mit turuq- der Präventionsstelle Islamismus, dem Stadtjugendring und der Stadt Freiburg gemeinsam im Dezember zu machen, aber unter den Vier gab es dann erst den 26.1.17 als ersten gemeinsamen Termin. Die Veranstaltung lief unter dem Titel „radikal sein – 2017?“ (Flugblatt angehängt). Die Clips wurden gezeigt und jeweils darüber anregend diskutiert. Als nunmehr freundschaftlich verbundene Gruppe zwischen Roma und Syrern/Irakern beendeten wir unsere gemeinsame Suchbewegung mit einem Abschlussessen und Feier Ende Dezember.

„is IS ne Alternative?“ – Diskussionsrunde über Präventionsansätze im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen mit Fluchterfahrung.